Offener Brief an Renate Schmidt
09.10.2001

 

Michael Hickman

Bernd Michael Uhl

Wilhelmshaven

 

09.10.2001

Stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands,
Mitglied Kuratorium des Deutschen Kinderschutzbundes,
"Mut zur Menschlichkeit", ECON Verlag 1995,
Vorsitzende des AK
"Gleichstellung von Mann und Frau".

Renate Schmidt
Bürgerbüro:
Karl-Bröger-Straße 9
90459 Nürnberg


Offener Brief an Renate Schmidt, Stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Zu Ihrem Artikel
Familienpolitik für das 21. Jahrhundert und im Zusammenhang mit dem SPD-Leitantrag : Kinder-Familie-Zukunft

Wir freuen uns über ihre Aussage, dass Familie positive Unterstützung durch die Politik erfahren muss. Wir teilen voll und ganz diese Ihre Auffassung.

Sehr aufschlussreich finden wir Ihre Aussage, dass es keinen einzigen Beleg dafür gibt, dass in den letzten 25 Jahren höhere materielle Leistungen auch zu höheren Geburtenraten führen. "Es gibt sowohl EU-Länder mit deutlich höheren, als auch deutlich niedrigeren Leistungen für Familien, die unabhängig davon alle höhere Geburtenraten haben." Merkwürdig erscheint dann doch, dass Sie den Rückschluß auf Kultur und Mentalität in Bezug auf den Stellenwert einer Familie und aller einzelnen Familienmitglieder ausgrenzen.

Eindeutig sehr einseitig ist, dass es zum Gründen einer Familie nur einer Frau bedarf. Somit müsse man nur die Situation der Frau verbessern, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden und Schwups, schon sind wir das kinderreichste Land der Erde! Also wir haben da schon mal aufgepasst, mal was von Bienen, mal was vom Klapperstorch gehört. Aber letztendlich haben wir gelernt, dass es zum Kinderkriegen Frau und Mann bedarf. In unserer Gesellschaft bedeuten für gottesanbeterisierte Männchen die Rahmenbedingungen zur Familiengründung das Eingehen eines fatalen Risikos. Besonders wenn das gekriegte Kind zur Wunderwaffe im Vernichtungskrieg der Trennung wird. Kann dies nicht einer der Gründe sein, dass troz sinkender Geburtenrate auch die gesellschaftsvermehrende Samenspende herabgesetzt wird?

Für uns ist "Familie" nicht nur ein Randthema sondern ein Kernthema für die Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft. "Deutschland hinkt den Familienpolitiken in den meisten EU-Staaten um mindestens 15 bis 20 Jahre nach." lassen Sie in ihrem Artikel verlauten. Deutschland ist im Familienrecht, Schlusslicht in Europa, sagt Prof. Jayme, Heidelberg. Gleichzeitig erkennen Sie die steigende Anzahl von Ein-Eltern-Familien und Patchworkfamilien. Erkennen Sie auch die steigende Unmenschlichkeit und Problematik der deutschen Familienrechtspraxis und -mentalität?

"Es geht auch menschlich," sagt uns Bundeskanzler Gerhard Schröder mit einem breiten Lächeln auf dem Plakat im SPD-Bürgerbüro in Wilhelmshaven. Daher stellt sich für uns die Frage, warum Sie in ihrem Ansatz und Leitantrag für die Familie, die Menschlichkeit hübsch unter den roten sozialdemokratischen Teppich kehren?

Nach einem internationalen Hungerstreik von Eltern und Großeltern in Berlin für das Recht des Kindes auf beide Eltern und beide Großelternpaare, setzen wir uns seit Wochen in Wilhelmshaven in der Art und Weise wie Doris Schröder-Köpf ein: Mit vollem Einsatz, ohne offizielles Mandat und mit großem Engagement für Deutschland.

Die Verurteilung Deutschlands in familienrechtlichen Verfahren durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mit der Elsholz-Entscheidung vom Juli 2000 ist eine deutliche rote Karte. Besuchsrecht ist Menschenrecht! Merkwürdig nur, dass keine familienpolitische Teamsitzung stattfand. Die Missetäter sind nicht des Feldes verwiesen worden. Keine Richtlinien- und Strategieänderung zielt auf eine Verbesserung der Situation ab. Es ist schon lange her, dass wir Weltmeister geworden sind.

Als generelles gesellschaftliches Phänomen ist zu beobachten, dass bei steigendem Materialismus und Egoismus auch die Unmenschlichkeit und die Kinderfeindlichkeit zunimmt. Gleich in unserer unmittelbaren Nachbarschaft können wir das Phänomen kinderreicherer Ausländerfamilien beobachten. Öffnet man sich der Kultur und Mentalität unserer Mitbürger, meistens der Gruppe der Niedrigeinkommen zugehörig, begegnet man einer anderen Menschlichkeit, Familienorientierung und sozialer Mentalität.

"Es gibt," so lassen Sie verlauten "einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und der Erwerbsbeteiligung von Frauen." Es sticht Ihre Ausgrenzung gemäß der vorherrschenden deutschen Rechtspraxis ins Auge. Es ist die Ausgrenzung des zurückgebliebenen Elternteils unter Diskriminierung der Rechte des Kindes aus derer beiden Liebe und Leben. Kinder sollen einäugig aufwachsen. Offenbart sich Ihnen nicht, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Familienrecht und Geburtenrate gibt? Norwegen, aufgelistet als Nr. 1 Ihrer Hitliste, wird auch als das Land mit dem menschlichsten Familienrecht gepriesen. "Liebe" ist ein Begriff, der in der UN-Kinderrechtskonvention vorkommt. "Liebe" und "Vater" sind Begriffslücken im deutschen Grundgesetz.

Aus der Missachtung der Menschenrechtsdimension bei Familiensachen ergeben sich Völkerrechtsverletzungen bei internationalen Kindesentführungen, die Gerhard Schröder mit der Reaktion auf den Clinton-Besuch im Sommer 2000 eingestand. Alles in allem unterzeichnen wir mit Brandtschen Stempel: "Zur Arbeit für die Menschenrechte gehört das Fegen vor der eigenen Tür." Hieß die Adresse des Bundeskanzleramtes nicht Willy-Brandt-Straße 1? Wohnt der Geist Willy Brandts nicht in diesem Haus? Die Politik und Ihre Familienpolitik stehen in der Verantwortung.

Wir nehmen unsererseits den Auftrag des deutschen Grundgesetzes wahr und setzen uns für den Schutz der Familie ein. Wir würden uns freuen, Sie in unserer Allianz gegen den Terror, der gegen unsere Familien verübt wird, begrüßen zu können. Wir nehmen Missbrauch, Gewalt und seelische Grausamkeit gegen unsere Kinder nicht hin. Wir sind für eine gesunde Keimzelle des Staates. Lassen Sie uns gemeinsam ein Heilmittel finden und mit folgenden Zutaten beginnen:
- Ihre Stellungnahme zum Anhang "Vaterland ohne Väter- Wir kreuzigen den unheilig gewordenen Vater. Eine Dokumentation des gesellschaftlichen Grauens."
- Einbeziehen der Problematik nationaler und internationaler elterlicher Kindesentführung sowie des Haager Abkommens in den SPD-Leitantrag und in die Familienpolitik der SPD
- Bundestagssitzung zur Wichtigkeit der Väter bei der Erziehung ihrer Kinder und zur Väterrolle in unserer Gesellschaft in Anlehnung an das Vorbild unseres großen Bruders (siehe Resolution des US-Repräsentantenhauses H. RES 417, 9. Juni 1998)

Mit freundlichen Grüßen
Hochachtungsvoll


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